
Am 26.09. berichtete die G.T. Gotlands Tidningar über die Eröffnung der Bereitschaftswoche, Beredskapsveckan, im Hafen von Visby. Polizei, Militär, Küstenschutz, Rettungsdienste, Freiwilligendienste und die Reederei Destination Gotland waren vor Ort, um sowohl Einblicke in ihre Aufgaben zu geben und Beispieleinsätze zu zeigen als auch auf Fragen der Besucher:innen rund um Zivilschutz einzugehen. Volles Haus, titelte Hela Gotland, die Online-Ausgabe von Gotlands Tidningar und Gotlands Allehanda.
Die Bereitschaftswoche wurde vor sieben Jahren von der schwedischen Regierung, der Myndigheten för samhällskydd och beredskap, MSB, ins Leben gerufen, mit dem erklärten Ziel, die Krisenbereitschaft, das Krisenbewusstsein und das Wissen um Zivilschutz und Selbstschutz in der schwedischen Bevölkerung zu erhöhen. Seitdem findet sie jedes Jahr in der Kalenderwoche 39, also Ende September, statt. In diesem Jahr vom 22. bis 29. September.

Eine Woche lang Krisenvorbereitung im Fokus, also. Eine Woche lang Beschäftigung mit dem worst case. Am Eröffnungstag bei spätsommerlichem Wetter mit knallblauem Himmel und vor der Kulisse der historischen Altstadt und dem Hafenbecken, in dem sonst Kreuzfahrtschiffe und Fähren anlegen, wirkten die Einsatzfahrzeuge, die Zelte und Uniformierten von Militär bis Rotes Kreuz besonders unbehaglich. Krise, ein großes Wort, das egal in welcher Interpretation nur Ungutes meinen kann. Und tatsächlich sind mit Krisen während der Bereitschaftswoche eine Vielzahl möglicher Situationen gemeint. Angefangen vom Stromausfall über einen längeren Zeitraum, über Überschwemmungen und starke Stürme, die der Klimawandel bereits mit sich bringt, bis hin zu hybrider Kriegsführung oder einem tatsächlichen Angriff von außen. Alles Szenarien, mit denen man sich nicht beschäftigen möchte. Alles Szenarien, mit denen man sich unbedingt beschäftigen sollte.
Entsprechend war das Programm während der Bereitschaftswoche groß und vielfältig. Die einzelnen Veranstaltungen konzentrierten sich dabei nicht nur auf die Haupstadt Visby, sondern fanden an unterschiedlichen Orten auf der gesamten Insel statt, um möglichst viele Menschen zu erreichen.
Seenotrettung, Küstenwache u.a…
… waren im Hafen mit Schiffen vertreten, die besichtigt werden konnten. Außerdem zeigten sie verschiedene Rettungsmanöver.
Die Bibliotheken…
… informierten über Desinformation und gezielte Einflussnahme auf Demokratie und Gesellschaft und wie man Desinformation erkennen und sich schützen kann.
Das Energiecentrum…
informierte in einem Vortrag darüber, wie man sich auf einen länger anhaltenden Stromausfall vorbereiten kann, was in der Haustechnik zu beachten ist und wie man auch im Winter bei niedrigen Temperaturen eine derartige Situation übersteht.
De Fähr-Reederei Destination Gotland…
… öffnete ihre Schulungsbereiche, um realistisch und praxisnah Unglücke z
Der Studienverbund Studiefrämjandet…
… informierte darüber, wie man eine Woche ohne Strom, Wasser und ohne Zugang zu Lebensmitteln auskommen und sich zudem vorbereiten kann, wenn man Haustiere besitzt.
An den Schulen…
… wurden Thementage zu mentaler Vorbereitung auf Krisen veranstaltet und ausprobiert, wie im Falle einer Krise dennoch Mahlzeiten in der Schulmensa gewährleistet werden können.
Der Landwirtschaftverbund…
…berichtete über die Rolle der lokalen Landwirtschaft im Zusammenhang mit der Lebensmittelversorgung im Krisenfall.
Das Gotlands Museum…
… veranstaltete einen Vortrag, in dem es um die Krisenbereitschaft auf der Insel während des 1. Weltkriegs ging.
Gemeinsam mit dem Sportverein IK Tjelvar…
… konnten Teilnehmer:innen drei Tage lang outdoor erproben, wie man ohne Strom, Wasser und Nahrung überlebt.
Die Initiative Stark Socken…
… eine Zusammenarbeit aus Region Gotland, Länsstyrelsen, Gotlands län und Rotes Kreuz, informierte darüber, was jede Gemeinde auf Gotland tun kann, um die Heimbereitschaft zu fördern und sich als Gemeinschaft krisensicher zu machen.
Die Kirche…
… informierte über ihre Rolle im Zivilschutz.
Ein wesentliches Anliegen der Woche ist die Heimbereitschaft. Die Menschen sollen in der Lage sein, sich selbst zu helfen und mindestens eine Woche lang ohne Hilfe und Versorgung von außen klarzukommen. Die Überlegung dabei ist nachvollziehbar: Wer informiert und vorbereitet ist, handelt überlegt, statt kopflos. Wer informiert und vorbereitet ist, kann nicht nur sich selbst, sondern auch anderen helfen. Die mentale Vorbereitung ist dabei ebenso wichtig. Wer sich mit dem Thema schon einmal auseinander gesetzt hat, hat vielleicht immer noch Angst vor einer eintretenden Krise, ist aber mental resistenter. Es geht darum, jeden Einzelnen und nicht zuletzt die Gemeinschaft zu stärken.

Genau darum, um die Stärkung der Gemeinschaft ging es einige Tage später in einem weiteren Artikel in der G.T. In einem Meinungsbeitrag am 02.10. riefen Vertreter:innen unterschiedlichster Organisationen und Behörden zu mehr Engagement auf, darunter der Reichspolizeichef, die Direktorin der Energiebehörde, des Lebensmittelwerks, der Chef der Reichsbank, der Finanzbehörde, der Behörde für Zivilschutz und Bereitschaft. Die zuständigen Organisationen seien sehr gut vorberiet, so ihre Botschaft, und der Zivilschutz werde nicht zuletzt im Hinblick auf die aktuelle weltpolitische Lage weiter ausgebaut. Es käme aber auf jeden Einzelnen an und es würde jeder Einzelne gebraucht, eine Krise mit einer starken Gemeinschaft zu überstehen.

Mich hat das Lesen der diversen Artikel und der Besuch verschiedener Veranstaltungen nachdenklich gemacht. Mit ist noch einmal deutlich geworden, was für ein exponierter Platz Gotland im Augenblick ist. Insbesondere nach Äußerungen schwedischer und internationaler Politiker und Militärangehöriger dazu: Gotland sei ein äußerst wichtiger strategischer Punkt in der Ostsee, unter anderem um das Baltikum zu verteidigen. Wer Gotland kontrolliere, kontrolliere die Ostsee. Rußland habe ein Auge auf Gotland geworfen. Gotland sei ein unsinkbarer Flugzeugträger in der Ostsee. Handelsschiffe auf der Ostsee seien ein ideales Angriffsziel für Terroranschläge.
Ich habe mich gefragt, ob die Leute hier diese Woche eher gut finden oder dadurch erst recht beunruhigt werden. Ich habe mich selbst gefragt, wie ich mich bei all dem eigentlich fühle. Ich muss zugeben, es fühlt sich ungut, vor allem aber etwas verstörend an, sich mit Themen dieser Art ganz konkret zu beschäftigen. Bisher war es nie notwendig über Krisenbereitschaft ernsthaft nachzudenken. Der einzige Moment einer Krise war während der Corona-Pandemie als die einen hamsterten und Klopapier und Nudeln horteten und andere mit Balkonkonzerten ihre Mitmenschen unterstützten. Finde ich eine Bereitschaftswoche wie hier auf Gotland gut? Ja, ich glaube schon. Und ich habe mich gefragt, wie auf die Einführung einer Bereitschaftswoche in Deutschland reagiert werden würde. Ob es nicht sinnvoll sein könnte, wenn alle etwas mehr informiert und weniger kopflos reagieren könnten. Oder würde eine Diskussion über Panikmache losbrechen wie sie losbrach, als Verteidigungsminister Boris Pistorius das Wort kriegstüchtig verwendete?
Auf der Suche nach Antworten habe ich mit einigen Leuten hier auf Gotland gesprochen, mit Bekannten genauso wie mit Fremden, die ich bei Veranstaltungen während der Bereitschaftswoche getroffen habe. Die „Befragungen“ waren natürlich nicht repräsentativ, aber doch interessant. Die meisten nämlich konnten den Gedanken der Panikmache gar nicht nachvollziehen. Stattdessen fanden sie es gut, dass offensiv über unterschiedlichste Szenarien gesprochen wird. Zu wissen, wie Polizei, Feuerwehr, Militär und Hilfsorganisationen im Fall der Fälle arbeiten, und was man selbst tun kann, vermittle ihnen eher ein sicheres Gefühl.

Es ist anzunehmen, dass es auch andere Stimmen gibt. Aber sicher ist auch, dass Gotland eine lange militärische Geschichte hat. Da braucht der Blick gar nicht zurückzufallen auf die Wikinger oder die Zeiten der Hanse. Gotland war die erste Region in Schweden, in der die Wehrpflicht eingeführt wurde. Das war 1811 im Nachklang des Russisch-Finnischen Krieges. Seitdem gab es Infanterie- und Artillerieregimenter mit unterschiedlicher Größe und Bezeichnung. In den 1990er Jahren waren hier bis zu 25.000 Soldaten stationiert. Teile der Insel waren militärisches Sperrgebiet. Einwohner, die Besuch vom Festland bekamen, mussten diesen anmelden. Auf der Landzunge Bungenäs sind noch zahlreiche Bunkeranlagen verteilt, die skurillerweise seit gut zehn Jahren zu Ferienhäusern umgebaut werden.

Bis 2005 gab es auf der Insel das Gotland-Regiment. Das Militär wurde abgezogen und zurück blieb nur die Heimatschutzgarde.
Erst 2015 beschloss die schwedische Regierung, wieder eine ständige Einheit auf Gotland zu stationieren, was 2018 umgesetzt wurde. Seit 2024 ist Schweden offiziell Nato-Mitglied und baut im Zuge dessen die Aktivitäten auf Gotland aus.

Man könnte also sagen, die Menschen hier sind Kummer bzw. Militärpräsenz gewohnt.
Das unbehagliche Gefühl ist trotzdem weiterhin da. Die täglichen Nachrichten machen es nicht besser. Aber dem Unbehagen mit Wissen zu begegnen ist allemal besser, als sich ohnmächtig zu fühlen. Ein Thema, das weit über diese eine Woche hinausreichen wird.

Infos & Quellen
Die Tageszeitungen GT. Gotlands Tidningar und Gotlands Allehanda betreiben gemeinsam die Online-Nachrichtenseite Helagotland. Wie bei den meisten Zeitungen ist zum Lesen der vollständigen Artikel ein Abo notwendig. Einen Eindruck aktueller Themen erhält man dennoch.
https://www.helagotland.se/
Fullt pådrag när Beredskapsveckan invigdes i hamnen, GT. 24.09.2024
Tänk om vi alla behöver en varm och skön trygg punkt, GT. 26.09.2024
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