Igel in Gefahr – Zählung lässt System abstürzen


Wir haben nun einen kleinen Igel im Garten. Er ist pünktlich zur „Igelwoche“, Igelkottsveckan, bei uns hereinspaziert. Immer am Nachmittag läuft der kleine Kerl seine Runde zwischen Flieder und Gebüsche, über die Wiese am Pflaumenbaum vorbei und wieder zurück zur Laubecke, aus der er neugierig und hungrig gekrochen kam. Jeden Nachmittag, jedes Mal zur nahezu selben Zeit. Beinahe etwas spießig, möchte man meinen, vor allem, da er doch noch viel zu jung erscheint für eingefahrene Routinen. Aber ich sehe es ihm nach. Schließlich haben es Igel heutzutage nicht leicht. 

In der Igelwoche waren alle Einwohner Schwedens dazu aufgerufen, Igel zu zählen, wo immer sie auf diese kleinen Stachelviecher treffen – und egal, ob lebendig oder tot. Die Igelwoche fand in diesem Jahr statt vom 12. bis 18. August und wird gemeinsam vom WWF und Nordens Ark organisiert. Ihr trauriger Hintergrund  ist die rückläufige Anzahl an Igeln in ganz Europa und eben auch in Schweden. In den vergangenen 12 Jahren hat der Bestand hier laut WWF um 40 % abgenommen. Die Gründe dafür sind nahezu überall dieselben: die natürlichen Lebensräume wie Laubwälder und kleinteilige Ackerlandschaften schwinden, Gärten werden zu wenig wildtierfreundlich gestaltet, hinzu kommen neuerdings Mähroboter und der zunehmende Autoverkehr wird ebenfalls einem großen Teil der Tier zum Verhängnis. In Schweden steht der Igel daher auf der roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tierarten. 

In diesem Jahr haben sich enorm viele Menschen an der Zählaktion beteiligt. Die hohe Beteiligung führte zeitweilig dazu, dass die Registrierungswebseite des WWF völlig überlastet war und Meldungen erst zu einem späteren Zeitpunkt abgegeben werden konnten. Das Engagement der eifrig zählenen Einwohner bewegte das Nachrichtenportal Helagotland auf Gotland sogar zu einem Artikel: „Tiotusentals igelkottsräknare – då slogs systemet ut.
„Zehntausende Igelzähler – dann brach das System zusammen“

Immerhin, das Zählen hat sich gelohnt: Insgesamt gingen mehr als 50.000 Meldungen aus ganz Schweden ein. Demnach wurden mehr als 42.000 lebende Igel gesehen, knapp 3.800 überfahrene Igel und etwas mehr als 500 Igel, die offenbar an natürlichen Ursachen gestorben waren. Ebenso gabe es mehr als 14.000 Meldungen darüber, das im Zeitraum der Igelwoche gar kein Tier gesehen wurde.

„Ju mer information vi samlar desto mer lär vi oss om våra taggiga vänner.“ | „Je mehr Informationen wir sammeln, desto mehr erfahren wir über unsere stacheligen Freunde.“

Jessica Ångström, WWF

Zur Überraschung der Forscher kamen viele Meldungen aus Gegenden nördlich des Polarkreises. Laut Jessica Ångström, Arten- und Naturexpertin beim WWF, sei das insofern bemerkenswert, als dass es zeige, dass Igel in Gegenden mit langen Kältephasen und Dunkelperioden gut klar kämen. Die Daten gehen nun an das SLU-Artdatabank, das die Informationen analysiert. Die Ergebnisse sind für die Öffentlichkeit zugänglich und Jessica Ångström hofft, dass sie in Zukunft auch für Forschungszwecke genutzt werden können.

Von Gotland kamen während der Igelwoche 2.700 Meldungen. Die Zahl bedeutet zwar nicht, dass sich dort die gleiche Anzahl Igel tummelt, sie zeigt aber dennoch, wie hoch das Engagement der Tierfreunde ist. 

Auf Gotland hat der Igel übgrigens eine besondere Bedeutung. Er ist das Landschaftstier der Insel und damit häufig auf Postkarten und Souvenirs anzutreffen. Und auf Schildern am Straßenrand. Denn viele Hausbesitzer, in deren Garten sich Igel einquartiert haben, stellen die Schilder des schwedischen Tierschutzbundes auf, damit Autofahrer Rücksicht auf die stacheligen Mitbewohner nehmen, falls diese die Straßen überqueren.

Unsere Nachbarn haben rechtzeitig beim Tierschutzbund bestellt und noch ein Schild ergattert.

Ich habe auch zwei dieser Schilder beim Tierschutzbund bestellt. Meine Anfrage brachte deren Webseite zwar nicht zum Absturz, doch die robusten, plakatgroßen Metallschilder sind derzeit ausverkauft. Offenbar zählen die Schweden ihre Igel nicht nur gerne und eifrig, sondern schützen sie auch gern – mindestens mit Hinweisschildern.


Quellen & Infos

Der Artikel in der GT vom 22.08.2024 (Paywall): https://helagotland.se/nyheter/gotland/artikel/manga-ville-rakna-kottar-da-kraschade-sidan/lq4gnzdr

Das Interview mit Jessica Ångström vom schwedischen WWF zum Nachhören: . https://sverigesradio.se/artikel/igelkotteffekten-rapporter-vallde-in-systemet-kraschade

Pressemitteilung des WWF zum Abschluss der Igelwoche: https://www.wwf.se/nyheter/over-50-000-rapporter-om-igelkottar-succe-for-wwfs-igelkottsvecka/

SLU Artdatabank https://www.artdatabanken.se/

WWF Schweden https://www.wwf.se/

Gotlands Tierschutzvereinigung https://www.gotlandsdjurskyddsforening.se/index.html

Gotlands Igelfond https://www.gotlandsigelkottfond.se/

Was es mit dem Landschaftstier auf sich hat und welche Landschaftstiere es in anderen Regionen Schwedens gibt, erfährst du hier.

Foto im Teaser: Ola Jennersten WWF

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