Rückblick Mai

Im Mai war ich fast den gesamten Monat auf der Insel. Spannend. Und chaotisch, denn nachdem nun die meisten unserer Sachen hier sind, steht alles voll mit Kartons, zerlegten Möbeln und Kram. Die Räume, in die alles hineingeräumt werden soll, sind größtenteils noch gar nicht fertig. Auspacken und wegräumen geht also nur stückchenweise.

Gleich am 1. Mai aber geht es hier in Valleviken ganz traditionell und standesgemäß vor sich: Mit einem 1.-Mai-Marsch, vielen Nelken an Revers und noch mehr sozialdemokratischer Überzeugung. Valleviken ist neben Visby der einzige Ort auf Gotland, in dem ein Mai-Marsch stattfindet. Valleviken ist traditionell sozialdemokratisch. Ein großes Zeugnis dessen ist das Folketshus mitten im Ort. Von 1919 bis 1947 stand in Valleviken eine Zementfabrik. Rund 300 Arbeiter waren dort beschäftigt. Sie lebten hier mit ihren Familien in kleinen Häuschen oder Mehrfamilienhäusern, arbeiteten in der Fabrik und waren gewerkschaftlich organisiert. Gemeinsam bauten sie 1922 das Folketshus, ein stolzes Gemeinschaftshaus mit mehreren Räumen, einem Saal mit Bühne, einer Bibliothek und einem Café.

Auch wenn die Fabrik schon Jahrzehnte nicht mehr steht, statt der vielen Arbeiter nur noch wenige Alteingesessene das ganze Jahr über hier wohnen und vor allem Festlandschweden hier ihre Ferienhäuser pflegen, ist das Folkteshus noch ein wichtiger Treffpunkt und der 1.-Mai-Marsch stolze Pflicht. Gemeinsam mit Kapelle und Fahnenträgern geht es einmal durch den Ort, begleitet von winkenden Kindern in den Vorgärten und sogar der örtlichen Polizei hintendrein. Keine Ahnung, was sie befürchten, denn cirka neunzig Prozent der Marschierer dürften deutlich über 70 Jahre alt sein. Anschließend wir vor dem Folketshus die Internationale gesungen, bevor es drinnen im Saal Reden gibt vom Bürgermeister und sogar einem Europaabgeordneten der Sozialdemokratischen Partei. Es mag amüsant anmuten, aber das „rote Nest“ Valleviken ist nicht zu unterschätzen.

Insel voller Kunst

Ein zweites Highlight waren die Offene Ateliers auf Gotland. Am Himmelfahrtswochenende wird auf der Insel die neue künstlerische Saison eingeläutet. 116 Künstler:innen und Kunsthandwerker:innen öffnen dann im Rahmen der „Öppna Ateljéer Gotland“ ihre Ateliers, Werkstätten und Studios.

Ein langes Wochenende also Kunst an allen Orten. Und was für Orte! Malerei und Druckgrafik in winzigen Steinhäuschen im Nirgendwo mit Holzbank vor der Tür und Blick aufs Meer, Keramik, handgewebte Teppiche und Glaskunst in alten Scheunen mit groben Balken unter der Decke und wilden Gärten vor den Fenstern.

Viele Kreative und Kunstschaffende fegen den Winterschlaf aus ihren Räumen und öffnen ab jetzt bis Ende August die Türen für Neugierige und interessierte Käufer. Die kommenden Monate ist die Insel voller Kunst und Kunsthandwerk und ein Schild an der Straße mit „Konst“ oder „Keramik“ lohnt fast immer einen Abstecher.

Arbeiten auf der eigenen Scholle

Auch beim Renovieren ging es natürlich weiter. Im Atelierhaus wurde eine Terrassentür mit zwei Flügeln eingebaut. Sie soll sich ab dem nächsten Jahr für Besucher:innen öffnen, wenn es endlich mit meinem eigenen Atelier wieder losgeht. Außerdem musste sie jetzt schon eingebaut werden, damit mein großer Drucktisch überhaupt ins Haus gebracht werden kann. Ihn hole ich Anfang Juli aus meinem Atelier in Hamburg hieher. Das wird auch noch eine spannende Aktion. 

Da die Reinigung des Atelierhauses durch eine Spezialfirma den Nikotingeruch leider nicht funktioniert hat, haben wir uns entschlossen, die Rigipswände und die Dämmung dahinter zu entfernen und komplett zu erneuern. Also habe ich schon mal damit angefangen. Es war nicht angenehm, aber es gibt auch keine wirkliche Alternative. 

Was sonst noch los war:

  • Die Frühlingsblüher legen los und machen große Lust auf den Sommer. Leberblümchen sind hier auf der Insel die Helden des Frühlings. Auf Schwedisch heißen sie Blåsippa. Hin und wieder blühen sie sogar in Weiß oder Lila. Das kommt allerdings selten vor. Umso mehr freue ich mich, ein lilafarbenes Exemplar im Garten entdeckt zu haben. Ebenso freuen kann man sich über ganze Teppiche aus weiß blühenden Buschwindröschen und gelben Schlüsselblumen. Viele Gotländer geraten völlig in Verzückung über die Blütenpracht. Das ist sehr lustig. Diese zarten Blümchen überall sind aber auch wirklich herrlich.
  • Ausflug in die Bucht von Kappelshamn im Norden der Insel. Auf der östlichen Seite der Bucht liegt der Kalksteinbruch von Bläse. Kalk gebrannt wird hier schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Das Areal an der Küste ist aber ein beliebter Ausflugsort. Jetzt im Mai ist es dort noch nahezu menschenleer. Ein paar versprengte Camper stehen mit ihren Mobilen auf dem Platz und halten ihre Bäuche in die Sonne, eine Handvoll Jugendliche sitzen am steinigen Strand und lachen, Möwen kreisen am knallblauen Himmel. Am Strand entlang ist die Atmosphäre fast melancholisch, mit scheinbar verlassenen Hütten und Kähnen wie Gerippe, die langsam in der Sonne ausbleichen.
  • Rundwanderung entlang der Küste bei St. Olofsholm an der nördlichen Ostküste. Der Weg startet im kleinen Örtchen Hide, führt durch einen Steinbruch, dann entlang der Küste durch das Naturreservat Sajgs, anschließend hinauf zur Windmühle und der Kapelle, durchstreift noch ein Raukarfeld und führt schließlich durch einen Wald zurück zum Ausgangspunkt. Keine lange Wanderung. Nur knapp 3 Stunden war ich unterwegs mit kleinen Pausen und Abstechern. Aber die Strecke ist abwechslungsreich mit einer schönen Mischung aus Kultur und Natur. Zum Teil verläuft die Strecke auf dem St. Olofs Pilgerpfad, der von hier quer über die Insel bis zum Dom in Visby führt. Spannend ist auch, einen Schlenker in dem verlassenen Steinbruch zu machen, denn in einem Teil mit steiler Abbruchkante ist eine Art Amphitheater installiert. Der geschaffene Theaterraum ist nicht groß, aber es fällt nicht schwer sich vorzustellen, dass hier während Aufführungen eine ganz besondere Atmosphäre herrscht.

Kurz vor Ende des Monats bin ich zurück nach Deutschland gefahren. Im Juni müssen wir dort in der Wohnung nun alles final ausräumen und in Ordnung bringen. Ende Juni ist dort Schluss. 
Na dann mal los.

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