Filigrane Glaskunst aus der Höllenhitze

Sie verwenden überwiegend recyceltes Glas und beziehen ihren Strom aus Windenergie. Christer Mattsson und Lennart Welander versuchen ihr Handwerk so nachhaltig wie möglich zu gestalten. Ausgebildet im berühmten Orrefors im traditionsreichen Glasriket in Südschweden, betreiben sie seit 1996 die Visby Glasblåseri mitten im historischen Teil der Inselhauptstadt Visby auf Gotland.
Ein paar gekalkte Holzwände mit Regalen, ein schlichter Tresen. Dahinter, Öfen mit einer Hitze im Inneren als käme sie direkt aus der Hölle. Der Verkaufsraum der Glasbläserei ist zugleich Werkstatt.
Glasbläserin Alexis Gardelin fertigt an diesem Tag Glaskugeln. Mit einer dünnen Schnur versehen, können sie anschließend an einen Weihnachtsbaum oder ins Fenster gehängt werden. Jetzt, Ende September, produziert Alexis schon für das kommende Weihnachtsgeschäft. „Die Kugeln sind sehr beliebt in der Weihnachtszeit“, kommentiert sie knapp, denn bereits im nächsten Moment bläst sie in ein etwa zwei Meter langes Stahlrohr, an dessen Ende ein glühender Klumpen flüssigen Glases hängt. Dann setzt sie sich auf einen Hocker, legt das Rohr vor sich auf die Drehbank und rollt es hin und her, wobei sie die zähe Masse mit einer Zange bearbeitet. Sie wiederholt den Vorgang, erhitzt den Klumpen ein weiteres Mal im Ofen, bläst und rollt erneut, bis sich aus dem übergroßen Tropfen nach und nach eine zarte Glaskugel formt.





In den Händen eines Glasbläsers entstehen durch archaisch anmutende Handwerkskunst am Ende zarte, zerbrechliche Objekte. Aus einer glühenden Masse, hervorgegangen aus höllengleicher Hitze und traktiert mit grobem Werkzeug erwachsen filigrane, nur wenige Millimeter starke Glaskugeln, Flaschen und Vasen. Zum Teil klar wie ein transparentes Nichts, zum Teil eingefärbt in leuchtenden Farbtönen.
Der Ofen, in dem das Glas verflüssigt wird, ist 1200 °C heiß. Eine Woche dauert es, den Ofen auf Temperatur zu bringen, daher bleibt er ununterbrochen in Betrieb. Mit seiner Abwärme werden die Räume über der Werkstatt beheizt. Im Ofen daneben “kühlen” die Kugeln bei nur 600 °C ab. Das dauert mindestens 24 Stunden. Bei einem schnelleren Abkühlen würden die Kugeln zerspringen.
Auf dem Schrank daneben und in Kisten auf dem Boden stehen zahlreiche leere Weinflaschen in Grüntönen und glasklar. Sie stammen aus den Restaurants der Stadt. Die Visby Glasblåseri arbeitet überwiegend mit recyceltem Glas aus alten Weinflaschen.






Die Glashütte gehört zu den wenigen kunsthandwerklichen Betrieben, die auf Gotland ganzjährig geöffnet sind. Und obwohl sich Energiekosten wegen der Energiekrise verdreifacht haben, soll das auch weiterhin so bleiben.
Alexis hat derweil die Klappe zum Höllenofen erneut geöffnet, um einen weiteren glühenden Klumpen in zarteste Kunstwerke aus Glas zu verwandeln.
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