Schafe im Verkehr

Die Gutefårsbaggen von Gotland

Wenn es irgendetwas reichlich auf der Ostseeinsel Gotland gibt, dann sind es Kalkstein und Schafe. Das dachte sich der gotländische Künstler Anders Årfelt wohl auch, als er 1993 den Gutefårsbaggen, kurz Baggen, für die Stadtverwaltung Gotland entwarf.

Die Geschichte dahinter geht so: Anfang der 1990er-Jahre hatte Årfeld eine Skulptur geschaffen, die ein liegendes Schaf darstellte. Diese Skulptur war für den neuen Stadtteil Melonen der Inselhauptstadt Visby gedacht. Kurz nachdem sie dort feierlich aufgestellt worden war, fiel sie Evert Larsson vom Bauunternehmen Skanska auf. Larsson war an dem Tag zusammen mit Görel Ridne vom Straßenbauamt durch den Stadtteil unterwegs. Ihm gefiel die Skulptur so gut, dass er gleich eine ganz praktische Idee hatte: Wie wäre es, wenn man viele Betonschafe herstellen ließe, um sie zum Beispiel als Durchfahrtsbarrieren in verkehrsberuhigten Zonen aufzustellen. Schließlich seien die Schafe für Gotlands Kulturlandschaft typisch und es wäre doch eine Bereicherung für das Stadtbild, statt hässlicher Betonklötze lieber fröhliche Schafe aufzustellen. Zurück im Büro erzählte Ridne dem damaligen Straßenbauamtsleiter Rolf Åberg von der Idee. Schnell war man sich einig und beauftragte Anders Årfelt kurzerhand mit der Entwicklung eines Betonschafs für die Gemeinde Gotland. Ein Jahr später, 1994, war der erste Baggen, zu Deutsch Schafbock, fertig.

Als Vorbild nahm Årfelt dabei nicht irgendein Schaf, sondern das Guteschaf, schwedisch Gutefår. Das Guteschaf ist eine auf Gotland weitverbreitete Schafrasse. Sie fällt vor allem durch ihre markanten, schneckenförmigen Hörner auf, die sie eindeutig von den Gotlandschafen, der ebenfalls verbreiteten Schafrasse auf Gotland, unterscheidet.

Årfelts erster Gutefårsbaggen wurde 1994 im Ostturm der historischen Stadtmauer Visbys aufgestellt. Dann entwarf er noch eine weitere Figur, ein Lamm. Die Lämmer waren als Gruppe gedacht. Da die Exemplare aber stattdessen einzeln neben die Böcke platziert wurden, lag die Interpretation nahe, es seien weibliche Schafe. Das war im doppelten Sinne ein Irrtum, da bei den Guteschafen beide Geschlechter Hörner tragen. Gehalten hat sich die Fehlinterpretation aber dennoch hartnäckig. 

Heute ist die Betonherde auf mehr als 250 Schafe angewachsen und verteilt sich auf ganz Gotland. In den meisten Fällen werden sie, wie ursprünglich gedacht, als Durchfahrtsbarriere eingesetzt. Ungefähr 50 Exemplare sollen mittlerweile im Betonschafhimmel sein. Wenn man bedenkt, dass die Gesamtzahl an Guteschafen auf Gotland etwa 1.000 Tiere umfasst, hat die Betonschafherde eine beachtliche Größe.

Anders Årfelt arbeitet seit den 1970ern mit Beton. Ein Werkstoff, den mittlerweile auch andere Künstler der Insel für sich entdeckt haben. Die Insel besteht überwiegend aus Kalkstein, sodass der Kalksteinabbau und seine Weiterverarbeitung auf Gotland seit jeher eine wichtige wirtschaftliche Rolle gespielt haben und immer noch spielen. Der Kalkstein prägt das Landschaftsbild der Insel. Beeindruckende Beispiele sind die zahlreichen Raukar, enorme Kalksteinformationen, die vor allem an den Küsten zu finden sind. 

Anders Årfelt lebt und arbeitet nach wie vor auf Gotland.

Übrigens: Wer schon mal in Stockholm war, erinnert sich vielleicht an die Betonlöwen, die dort in der Einkaufsstraße Drottningsgatan aufgestellt sind. Die sind ebenfalls von Anders Årfelt.

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