Korallenriff in der Ostsee

Gotlands karge Schönheit

An vielen Stellen der Insel, vor allem entlang der Küste, ragen sie bis zu 27 Meter in die Höhe: Raukar, Steinskulpturen, von der Natur über Jahrtausende geformt. Und der Name klingt, wie die Steingetüme aussehen: rau, schroff, grau, unwirtlich. Die Felsformationen bestehen ebenso wie der größte Teil der Insel aus Kalkstein. Wenn man es etwas plakativ ausdrücken möchte, könnte man sagen, Gotland war einmal ein Korallenriff. Vor gut 430 Millionen Jahren. Das ist eine Weile her und damals lag der Korallenbrocken, der heute als beliebte Ferieninsel vor allem Stockholmer zu Tausenden in den Sommermonaten anlockt, noch am Äquator.

Recht schnell lassen sich an den Steinstränden und Klippen Fossilien finden, vor allem Korallen, Bryozoen, Brachiopoden, Trilobiten, Cephalopoden. Hinter den unaussprechlichen Fachbezeichnungen verbergen sich urzeitliche Tierchen, die sich über 10 Millionen Jahre abgelagert haben und nun das Fundament der Insel bilden. So faszinierend die steingewordenen Urzeittierchen auch sind, es bestehen strenge Beschränkungen sie zu sammeln und mitzunehmen. Wer dies vorhat, sollte sich vorab informieren.

Den Kalkstein machten sich die Bewohner schon vor Jahrhunderten zu Nutze. Als Baumaterial wurde er nicht nur auf der Insel selbst verwendet, sondern auch in andere Städte an der Ostsee exportiert. Er wurde überwiegend für den Bau von Kirchen verwendet. Auch die Ringmauer, welche die Inselhauptstadt Visby umgibt, ist aus Kalksteinquadern errichtet. Bis zu 11 Meter hoch, mit Wachtürmen und Durchgängen zur Altstadt und einer Länge von knapp dreieinhalb Kilometern beeindruckt sie noch heute. Kalkstein gebrannt wurde auf Gotland seit dem Mittelalter. Einige Kalksteinbrennereien stehen noch, wie in Bungenäs, einer Halbinsel im Nordenosten Gotlands. Hier werden die sanierten und ausgebauten Gebäude seit einigen Jahren als Restaurant und Veranstaltungsort umgenutzt.

Werden Zementfabriken stillgelegt, bleiben bizarre Landschaften zurück, die zugleich faszinieren wie auch befremden. Auf der Halbinsel Furillen im Nordosten der Insel liegt so ein ehemaliges Abbaugebiet. Hier wurden das Gelände und die Gebäude zu einem extravaganten Hotelareal und Restaurant umgebaut. Ausgesprochen modern und schlicht fügt es sich in die unwirkliche Industrieumgebung und karge Landschaft ein. Kein Wunder, dass dieser außergewöhnliche Ort schon für zahlreiche (Mode-)Shootings und Filmszenen u.a. in der Serie Maria Wern genutzt wurde. Auch zieht die bizarre Abgeschiedenheit vermögende Exzentriker mit Vorliebe für eigenwillige, aber sehenswerte Architektur an, die sich ihre Häuser in diese Einöde bauen lassen. Håkan Nesser, schwedischer Krimiautor und Pferdezüchter, lebt hier ebenfalls. 

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